Das Geschenk meiner Mama

Es ist Dienstag abend, ich fahre ins Krankenhaus zu meiner Mutter. Vor 10 Wochen war mein Papa gestorben, seit dem lag meine Mama im Krankenhaus. Sie sollte eigentlich entlassen werden in eine Kurzzeitpflege, doch ihr Zustand hatte sich rapide so verschlechtert, dass sie auf die Intensivstation kam.

Die letzen Wochen nach der Beerdigung meines Vaters waren geprägt von Krankenhausbesuchen und einer Ungewissheit, wohin die Reise geht.

Sie schläft - ich gebe ihr einen Access Consciousness Körperprozess der dem Körper erleichtert zu wählen, ob er gesund werden oder gehen möchte. Es ist sehr still und friedlich. Sie wacht kurz auf, ist verwirrt, fragt wo sie ist und was passiert ist, bevor sie weiter schläft.

Der Startionsarzt erklärt mir, dass die Aussichten für die geplante OP am nächsten Tag sehr schlecht sind und nicht klar ist, ob sie die Nacht überhaupt übersteht.

Als meine Nichten kommen, wacht sie auf und ist kurzzeitig so wach, dass sie sogar zu Scherzen aufgelegt ist. Sie meint, der Opa müsse noch warten, so schnell würde sie nicht kommen.

Als ich mich von ihr verabschiede, schaut sie mir lange und tief in die Augen, und fragt, ob wir auf sie aufpassen und sie nicht alleine lassen, damit ihr nichts passiert, und ob sie denn nun nach Hause darf?  Es ist das erste mal in diesem Leben, dass wir uns so nahe sind, wie in diesem Moment. Da sind keine Barrieren, keine Abgenzungen  - einfach nur Stille, Tiefe, Vertrauen und Offenheit.  Ich verspreche ihr, dass wir alle auf sie aufpassen und dass sie am nächsten Tag heimgehen darf.

Das erste Mal in diesem Leben konnte ich ihr Sein bewusst wahrnehmen, sie spüren mit allem was sie ist. Gleichzeitig wusste ich, dass sie am nächsten Tag gehen  würde.

Mittwoch morgen klingelt das Telefon um 7:30 - das Krankenhaus. Die OP ist abgesagt, der Allgemeinzustand sehr schlecht. Ich fahre so schnell ich kann in die Klinik. Sie wird beatmet, ist nicht mehr bei Bewusstsein. Auf dem Monitor ist zu sehen, wie Herz und Puls immer schwächer werden, bis sie dann 2 Stunden später ganz aufgeben.  Sie liegt friedlich im Bett, als würde sie schlafen....

Seit 2 Jahren lebe ich mit der Frage von Access Consciousness "What I´m unwilling to receive?" Dieser eine Moment, als ich tief in die Augen meiner Mama schaute, der Moment, in dem nichts mehr zwischen uns stand, wusste ich, dass ich mich mein ganzes Leben geweigert hatte, von ihr zu empfangen. Ich wäre lieber gestorben, als von ihr etwas anzunehmen. Diese Entscheidung, die ich als Kind getroffen habe, wurde mir jetzt bewusst. Da kamen Gedanken wie "Oh mein Gott, wie anders hätte mein Leben verlaufen können, wenn mir das früher bewusst geworden wäre?"

Doch dann änderte sich meine Sichtweise und ich war erfüllt von tiefer Dankbarkeit, dass meine Mama mir dies als Abschiedsgeschenk hinterließ - Empfangen..... Keine Barrieren....Sein......